Nichts ist selbstverständlich!

Wenn eine Krankheit durch eine Therapie verschwindet, vergessen wir Menschen das Leid, das sie uns bereitet haben, oft sehr schnell. Wenn Schmerzen einige Jahre lang täglich bestanden und dann doch endlich die Ursache behandelt werden kann, neigen wir dazu, wenige Wochen oder Monate danach uns schon nicht mehr genau an die schlimme Zeit zurückerinnern zu können. Erst wenn ich Patienten danach frage, erinnern sie sich: „Ach ja, das habe ich schon ganz vergessen, das ist weg.“ Wir vergessen das Schlimme.

So werden wir (zum Glück) auch schnell die zahllosen Attacken des abgewählten Ex-Präsidenten Trump vergessen, die Abwertungen, Anfeindungen, Beschuldigungen, Lügen, die Respektlosigkeit, die vernichtende Wut, den Hass, den Größenwahn, den er in seinem Land und der Welt (und in sich selbst) verbreitet hat, jedes Mal, wenn er auf dem Bildschirm erschien. Vor lauter Erleichterung werden wir in die neue Selbstverständlichkeit hinüber rutschen und das Schlimme vergessen.

Dabei ist nichts selbstverständlich. Zwei aktiv tätige Hausärzte sind in den letzten Wochen in Rosenheim plötzlich und unerwartet verstorben, einfach umgefallen. Plötzlich bekommen ein junger und ein älterer Mensch die Diagnose Krebs, beide waren immer gesund gewesen. Niemand und am wenigsten sie selber haben damit gerechnet.

Hören wir auf, zu klagen und machen uns auf. „Was ist das Hintergrundrauschen, die Atmosphäre dieses Tages?“, können wir uns beim Aufwachen immer neu fragen. Wie möchte ich meinen Tag leben statt gelebt zu werden? An jedem Tag können wir neu damit beginnen, aufzuhören, uns selber runterzumachen, abzuwerten, übertriebene Schuldgefühle zu haben, uns wertlos und unwürdig zu fühlen. Wir können anfangen, die inneren Kritikerstimmen, die uns selbst ständig bekritteln und unsere innere Atmosphäre vergiften, nicht mehr so ernst zu nehmen und zu befrieden: wir sind da in dieser Welt, wir sind gewollt und gemeint von diesem Leben.

Nehmen wir doch die Verbindung auf mit dem, was da ist. Die kleinen Freundlichkeiten mit uns selbst und mit anderen in dieser Coronazeit. Das Langsamerwerdendürfen ist für viele eine Wohltat. Besänftigen wir uns und unsere inneren, kopfgemachten (Selbst)-Anklagen, die Welt um uns herum und die Natur. Versöhnen wir uns mit uns selbst. Halten wir zusammen und schützen uns gegenseitig. Dann wird unser Herz frei. Frei, um zu handeln.

Leben ist nicht selbstverständlich. Auch nicht unsere Gesundheit. Nicht Freundschaften. Und schon gar nicht die Liebe. Nichts „steht uns zu“. Aber alles kann mit unserer Beteiligung zu etwas Gutem werden. Im Kleinen und manchmal auch im Größeren. Jeder Tag, an dem wir lebendig sind, ist ein Geschenk an uns. Jeder schmerzfreie Tag und jeder Tag mit Schmerzen, jeder Tag mit depressiven Gefühlen und jeder Tag mit frohen Gefühlen. Jeder Tag, an dem wir Liebe in unserem Herzen spüren und Freiheit in unserem Land und in Europa haben.