Dr. Heike Engerer | Der Geschmack von Erleuchtung und Bratkartoffeln

Der Geschmack von Erleuchtung und Bratkartoffeln

Eine Frage, die in ihr bohrt,
ein Meister, der sie wegschickt,
eine Leidenschaft, die sie verbrennt,
eine Reise in die Wirklichkeit des Seins.

Die neunzehnjährige Amai bewegt nur eine Frage: Was bedeutet es, wirklich zu sein? Sie macht sich auf die Suche, wandert auf einen Berg, wo sich ihr ein tibetischer Weiser offenbart und in die Geheimnisse der inneren Welt einführt. Doch der Weg dorthin ist nicht einfach. Ob in einer einsamen Höhle, in der Gemeinschaft der Schüler mit dem Meister, in der verzehrenden Leidenschaft zu einem Mann oder auf der Reise zu den rätselhaften Pyramiden der Maya, Amai wird immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen, um heil zu werden. Ihr ganzes Wesen lernt, sich dem Strom des Vertrauens hinzugeben und endlich taucht sie darin ein mit jeder Faser: in das wirkliche Sein.

Leseprobe

Es geschah alles so schnell. Zwei Faustschläge, dann lag sie auf dem Boden. Tomás trat auf sie ein, immer weiter trat er auf sie ein. Mit seinen Füßen trat er ihren geschundenen Körper, Rücken, Gesäß, Oberschenkel, Arme. Sie krümmte sich, so gut es ging zusammen, um sich zu schützen. Hielt den Arm vor das Gesicht. Abwehrend. Voller Todesangst. Erbärmlich ausgeliefert. Hilflos gegenüber der unkontrolliert über sie hereinbrechenden Gewalt. Niemals zuvor hatte sie sich jemandem so ausgeliefert gefühlt. Niemals zuvor hatte sie solche Angst vor einem Menschen gehabt. Demselben Menschen, dem sie vorbehaltlos ihr Herz geöffnet hatte. Den sie liebte. Die Todesangst kroch in sie hinein und begegnete plötzlich einer zweiten, ganz ähnlichen Todesangst. Jener vom Beginn ihres Lebens, als sie sich im Leib der sterbenden Mutter befand. Beide verbanden sich und waren gemeinsam stärker als je zuvor. Der Eindruck, keine Existenzberechtigung zu haben, wurde mit jedem Fußtritt tiefer und tiefer. Sie war es nicht wert, da zu sein, deshalb wurde sie zertreten. Was geschah, war nur folgerichtig. … Lähmende Hilflosigkeit breitete sich in ihr aus, unerbittlich wie ein Sandsturm in der Wüste. Dann sah sie, wie ihr linker Arm aus dem Sand hervorragte. Fast wie ein Sieger streckte er sich, wehrte sich, trotzig, entschlossen. Wütend. Entweder würde er gebrochen werden oder er würde überleben und sie mit ihm. In diesem Augenblick erkannte sie, sie war die Geschlagene, aber genauso schlug er sich selbst, sie war die Verletzte, doch tiefer noch verletzte er sich selbst, seine innere Unschuld. Sie war eins mit allen geschlagenen und unterdrückten Frauen und eins mit dem, der sie schlug. Je härter die Schläge sie trafen, desto mehr Mitgefühl strömte aus ihrem Herzen für jenen, der sich selbst nicht kannte und sich in der Tiefe seines Wesens ablehnte, indem er jenen, die er am meisten liebte, die größten Schmerzen zufügte, sie dazu brachte, ihn wieder und wieder zu verlassen. Eins wurde sie mit allen Geschlagenen und Geschundenen der Erde, fühlte den Staub im Mund und die Verachtung dessen, der über ihr stand. Doch ihre Seele, ihre wahre Natur, war unzerstörbar, unverletzbar und heilig: er mochte treten, so viel er wollte, er konnte diesen innersten Tempel nicht erreichen und er konnte ihm kein Leid, ja nicht einmal den kleinsten Kratzer zufügen.